Yellow paper boat
10 Oktober 2019

Tag der psychischen Gesundheit 2019: Teile deine Erfahrungen!

     

Studien haben gezeigt, dass das Depressionsrisiko bei Menschen mit Diabetes fast doppelt so hoch ist, wie bei Menschen, die ohne Diabetes leben. Manche Studien zeigen sogar, dass das Risiko psychischer Erkrankungen bei Menschen mit Diabetes um bis zu viermal höher sein kann.

Im Frühjahr 2013 wurde bei mir Typ 1 festgestellt, und ich wurde von meinem tollen neuen Arzt und Team hervorragend betreut. Aber damals warnte mich niemand vor den Auswirkungen, die diese Autoimmunerkrankung auf mein Leben haben kann. Niemand hatte mir gesagt, dass es sowohl mein körperliches als auch mein emotionales Wohlbefinden antasten würde. Niemand hatte mir gesagt, dass sich meine Perspektive im Leben völlig verändern würde und meine Diabetes-Diagnose erst der Anfang und ganz sicher nicht das Ende meiner Probleme sein würde.

180 Extra-Entscheidungen

Laut einer Studie der Stanford University in Kalifornien von 2014 treffen Menschen, die mit Typ-1-Diabetes leben, durchschnittlich 180 zusätzliche Entscheidungen pro Tag. Bei Typ 1 geht es nicht nur darum, Kohlenhydrate zu zählen, den Blutzucker zu kontrollieren und die Insulinabgabe zu steuern. Wir müssen unsere Therapie ständig im Hinterkopf behalten, den Überblick haben, um fundierte Entscheidungen treffen, und immer vorausschauend planen. Alles nur, um so für uns zu sorgen, wie es Menschen ohne Diabetes nie tun müssen. Kein Wunder also, dass das auch unser emotionales und geistiges Wohlbefinden stark beeinflusst. Daher finde ich es wichtig, dass wir mehr darüber sprechen! Denn darüber zu sprechen, kann uns helfen, unser Leben glücklicher und gesünder zu gestalten. Lasst mich euch meine Geschichte erzählen…

Der Anfang

Im Jahr 2015, zwei Jahre nach meiner Diagnose, begann ich depressive Episoden durchzumachen. Das war etwas, das mir zuvor noch nie passiert war. Zu der Zeit war ich 24 Jahre alt und stand kurz vor dem Abschluss meiner Bachelorarbeit. Ich stand also unter großem Druck! Es war harte Arbeit mein großes Projekt zu Ende bringen und gleichzeitig war da noch mein Diabetes (und das jede Sekunde jedes Tages). Ich fühlte mich jedoch überhaupt nicht gut, und ich verstand einfach nicht, was mit mir passierte.

Jeden Tag setzte ich eine Maske auf. Ich ging in die Uni, sprach mit meinen Professoren über meine Arbeit, verbrachte Zeit mit Freunden und tat so, als ginge es mir gut. Aber sehr bald schon konnte ich nicht mehr aus dem Bett aufstehen, und ich konnte nicht aufhören zu weinen. Ich fühlte mich wertlos, war hoffnungslos und frustriert. Ich hatte wenig Energie und noch viel mehr Angst. Obwohl ich eigentlich immer gern gegessen hatte, aß ich wenig, und ich trank nicht annähernd genug Wasser. Ich konnte nicht mal mehr aus dem Bett aufstehen, um zu duschen. Ich fühlte mich wie gelähmt.

Es hat Klick gemacht

Und natürlich konnte ich mit meinem Diabetes nicht mehr Schritt halten. Ich kontrollierte meine BZ-Werte nur selten. Wenn ich Insulin abgab, wählte ich die Menge meist völlig willkürlich, obwohl ich wusste, dass das supergefährlich sein konnte. Ich fühlte mich ausgebrannt, überfordert und einsam. Das Schlimmste von allem war, dass ich nicht wusste, wie ich mir selbst helfen konnte. Ich dachte immer noch, dass ich es aussitzen könnte, bis sich alles bessert, aber die Gefühle verflogen einfach nicht.

Nachdem ich monatelang so gelebt hatte, stolperte ich über einen Artikel über Diabetes und Depression. Dann sprach ich mit jemandem, der ähnliche Symptome hatte. Es machte klick, und ich verstand endlich, dass ich darüber reden musste. Ich wusste auch, dass ich professionelle Unterstützung brauchte. Ich fand einen Therapeuten, und mein Heilungsprozess begann.

Endlich fühle ich mich besser

Natürlich verläuft eine Heilung selten wie am Schnürrchen. Aber kürzlich hatte ich eine Sitzung mit meinem Therapeuten, und wir stellten fest, wie weit ich schon gekommen bin. Wie schwer es doch manchmal ist, sich selbst auf die Schulter zu klopfen! Aber ich habe es getan, und ich kann stolz auf mich sein. Drei Jahre habe ich gebraucht, um an diesen Punkt zu gelangen, und heute kann ich sagen, dass es mir tatsächlich besser geht. Depressiven Episoden habe ich noch immer, aber sie treten seltener auf und dauern nicht mehr so lange.

Mittlerweile brauche ich keine regelmäßigen Therapiesitzungen mehr, kann Alltagssituationen einschätzen und mich darauf einstellen. So kann ich mir genügend Raum geben und mich vor Dingen schützen, die zu viel Energie kosten. Ich höre auf meinen Körper hören und erkenne Warnsignale schneller. Trotzdem bin ich jederzeit bereit zu kämpfen! Ich trage mein Schwert immer bei mir: Ich versuche, so bewusst wie möglich zu leben, hoffe aber immer das Beste.

Teile deine Erfahrungen!

Im Laufe der Jahre hatte ich das Glück, mit vielen Menschen zu sprechen, die sowohl an Diabetes als auch an Depressionen leiden. Einige von ihnen sind enge Freunde geworden. Wir alle teilen ähnliche Geschichten, und wisst ihr was? Das hilft wirklich. Im Laufe der Jahre habe ich so viele Beiträge über Depressionen und Diabetes geschrieben. Ich habe mich sehr lautstark zu diesem Thema geäußert und so viele Kommentare von Menschen erhalten, die ebenfalls ihre Erfahrungen teilen. Über Diabetes und Depressionen zu sprechen, hilft. Zu wissen, dass ich nicht alleine bin und dass es Menschen gibt, die mich verstehen und dasselbe durchgemacht haben, gibt mir das Gefühl, stärker zu sein.

Unsere Gesundheitsexperten müssen auch besser informiert und sich der Symptome bewusst sein, die anzeigen, dass wir Probleme haben. Dieses Thema wurde bereits auf Konferenzen auf der ganzen Welt diskutiert, aber es gibt noch so viel zu tun und so viel mehr Menschen zu erreichen. Wir müssen Menschen mit Diabetes zeigen, wie sie Warnsignale schneller erkennen können und wie sie die Dinge selbst in die Hand können. Wie sie sich proaktiv um ihre psychische Gesundheit kümmern können. Wir müssen unsere Stimme erheben, trotz des Stigmas, das das Thema Depression umgibt.

Deshalb bitte ich euch heute: Wenn ihr könnt, teilt eure Erfahrungen. Helft anderen, ihre Stimme zu erheben und die Hilfe zu erhalten, die sie brauchen. Wir sitzen alle im selben Boot!


Über Tine

Tine lebt in Berlin, Deutschland, und arbeitet als Videoproduzentin und Köchin. In ihrem Blog icaneateverything.com schreibt sie über das Leben mit Typ-1-Diabetes, sensibilisiert für Diabetes, Menstruations- und psychische Gesundheit und teilt ihre Lieblingsrezepte. Ihr findet sie auf Instagram:@saytine.

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